Ein seltsamer Tag. Mauerfalltag. Sylvester einer Zusammenführung, einer Verbindung, einer Auflösung von Grenzwertigem, ein Fall. Hochmut kommt vor dem Fall. Die verbundene Welt, die grenzenlose, ist alles, was der Fall ist. Was jener heute baut, reisst der andere morgen ein. Aber waren die getrennten “Parteien” wirklich in Hochmut verstrickt, mit ihren Auftrennungen bestickt? Wer trennte den Saum an trennendem Säumigem, wie fügt sich Solidarität zusammen, welche Zungen teilt der zwiespältige Solidaritätszuschlag? Was wird hier wieder verbunden?

mauerstewards

Eine Bekannte schreibt: “9. November 1989, 21:30: Ich komme aus der Sauna (…fast wie Angie in Berlin) allerdings in Naumburg an der Saale, wo ich studiere. Meine Studienfreunde empfangen mich mit den Worten: ´Die Mauer ist gefallen!´
9. November 2009, 21:30: Ich komme vom Klavierunterricht und schaue meiner kleinen Tochter beim Schlafen zu. Ihr Vater kommt aus Frankfurt (Main), ich komme aus Sachsen Anhalt. Ja, ich glaube daran, dass Träume wahr werden, wenn Mauern fallen!”

Ich glaube daran, dass Träume und Mauern fallen können. Dass heisst nicht, dass Mauerträume und Traummauern dasselbe sind.

Noch 20 Jahre nach dem Kollaps einer Staatsidee spaltet die Thematik Gemüter und Städte. Was hast Du am 9. November 1989 getan? Kein Ahnung. Nicht jede geschichtliche Blase im soziopolitischen Teppich ist auch eine aktualhistorische Erinnerunsgfalle. Ausser im Fall der Anwesenheit bei der plötzlichen Abwesenheit von bisher Getrenntem. Und das wird heute grosspurig begangen.

In Wahrheit ist die Veranstaltung auf kleinen Spuren unterwegs, und gerade das Unterwegssein gerät zum Spiessrutenlauf. In Berlin wurde die Mauer zum Zweck der Befeierung wiederaufgebaut. Auch wenn so manche Stimme der Stadt einen erneuten Mauerbau und die reaktionäre Wiederhestellung alter Zustände nicht unbefeiert lassen würde, haftet einer solchen Mauer besonderer Zynismus an. Es ist eine demokratische Volksfest-Unterhaltungsmauer, eine Kinder-Jalousie mit bunten, geöffneten Lamellen für die wandernden Blicke, aber eine fein säuberliche Trennung für die wandernden Körper. Ein 4m Niemandsland mit einem Pappmaché-Henge als astronomische Mittelstreifen-Kultstätte, graffitisiert von Kinderhänden, Weltverbesserungsanwärtern und Sponsoring Konzernen. Es ist ein veritabler, zeitgeistiger Eventgraben geworden.

Sinnbilder einer Handreichung sucht man hier vergebens. Orangene “Stewards” halten die Massen von ungebührlicher Aktion ab und beaufsichtigen den Herdentrieb des staunenden, knipsenden Digitalkameranutzviehs. Wo sind die Menschen geblieben, die sich durch die Breschen drängten und umarmten, in Angst sie könnten doch noch gehindert oder erschossen werden? Jetzt plärrt Werbemusik aus den Lautsprechern, die Videowalls künden von den Produktverheissungen der Eventsponsoren und der schreckliche Moderator führt unerhebliche Gespräche mit verirrten Alltagsmenschen, die wirre Zeiten hinter sich gelassen haben, und im prekären Wohlfühlstand angekommen sind. Nutella-Crepes, Espresso und Eventgastronomie, transparente Retorten-Politikertribühnen, um vor dem misslichen Regen der Zeit zu schützen, aber zumindest Durchblick fürs hintenstehende Publikum zu suggerieren.

Das wäre alles noch nicht allzu schlimm, wenn die Organisation diese quere Dominowand, an und für sich für Menschen durchlässig, nicht bewachen und links und rechts mit Zäunen armieren liess. Nur strategische Übergänge, checkpoints ohne check, wurden offen gelassen, all diese Kontrolle wahrscheinlich nur, damit die Grundmessage nicht vorzeitig explodiert: Die Mauer aus bemalten Dominosteinen soll im richtigen Moment medienwirksam “fallen”. Das muss geschützt werden. Diese Mauer. Das Kunstwerk, der schlaue Trick von Marketingspezialisten, der den Einheitsgedanken in ein griffiges Fernsehbild fassen soll, das noch jeder Provinzdödel begreifen kann und das man getrost in alle Welt als Sinnbild von Befreiung überträgt.

Durchaus ein Plan. Nur, die Massen drängen sich am Standort der alten Mauer herum und durch künstlich geschaffene Nadelöhre durch nach ehemals Ost oder West, dass manche der Übergänge schon am Vortag richtungsgebend gesperrt werden “müssen” – also z.B. nur nach “West” an der linken Seite von Brandenburger Tor, vom Osten aus gesehen. “Nein, das war so nicht geplant, aber die Leute…” meint ein Steward mit kahlrasiertem Schädel freundlich, aber bestimmt. Für ein zurück in den “Osten” muss man das ganze Brandenburger Tor erneut umrunden, sich einfädeln lassen inklusive die großräumigen Umgehung des Eventplatzes mit Bühnentechnikaufbauten und versprenkelten semi-schicken Imbissbuden. Es macht Laune, sich einfach ins Adlon auf auf der Ostseite zu setzen, irgendeine ausländische Zeitschrift aufzuschlagen, importierten Kaffee zu trinken und an etwas ganz anderes zu denken.

Warum haben sie die “Steine” nicht mit Stangen am First gesichert und die Leute durchlaufen lassen? Vielleicht gäbs hie und da ein paar Graffiti oder Grüsse mehr auf den “Kunstwerken”, aber was würde das schon machen?  Mit der echten Mauer ist man ja auch nicht zimperlich umgegangen. An der Eastside Gallery wurde sie dieses Jahr sogar renoviert, man stelle sich vor. Der Beton sandgestrahlt und ausgebessert, die Graffiti NEU aufgetragen. Also eigentlich andere. Versuchen Sie mal etwas auf den Berliner Dom zu zeichnen…Auch wenn die Graffiti Kultur in Übermalung verwurzelt ist, aber die Berliner Mauer, oder besser, das längste Stück, was von ihr übrig ist, zu renovieren, inkl. der Street Art mutet doch etwas sonderbar an.

Aber immer noch besser echt denn aus Styropor. Und hat sich schon jemand mal überlegt, dass umgestürtze Dominosteine eine wundebare Mauer abgeben? Lücken geschlossen, kein Durchgang, ein Umfaller, kein Umsturz, eine Barriere wird geschaffen, nicht geöffnet. Wo vorher Lücken waren, klaffen jetzt nur mehr Trümmer…

Das wäre alles weiter auch nicht so schlimm, der clevere Einfall mit dem Dominoeffekt ist harmlos genug, um nicht dauerhaft hinterfragt werden zu müssen. Es ist egal, ob der Fall des DDR Regimes wirklich als ein Effekt einander in vorausberechenbarer Abfolge bedingender Gründe illustrierbar ist, es ist wahrscheinlich auch egal, ob Kinder und Jugendliche wirklich die treibenden Faktoren waren, die der Veränderung den Anstoß gaben, es macht auch nichts aus, dass der Domino-Begriff den Mantel als verhüllende Tarnung miteinschliesst und die Kettenreaktion nicht zu den allerbeliebtesten Gesellschaftsspielen gehört.

Viel schwerwiegender ist, dass die geographische Nähe zu einem berühmten, rezenten Denkmal Fragen der Symbolik aufwirft. Hohe Steine, viele, nebeneinander, Quader, stehend, liegend ein Feld davon. Die Interferenz erscheint bestechend, begibt man sich in das Mahnmal neben der aufgebauten Spielsteinstrecke. Dann erglänzen die bunten Steine wie eine Kette aus einem Kinderzimmer der Jahrhundertwende, selbst bemalt, vielleicht sogar emailiert. Daneben aber zeichnet sich dunkel und basaltartig in Reih und Glied das Denkmal für die ermordeten Juden Europoas ab. Ausserirdisch wie ein Feld von Stanley Kubricks Monolithen, grau und schweigend neben dem lärmenden Spielepfad. Ein Gräberfeld zieht die Rhetorik des Sieges über Grenzen in ihren Bann. Ein paar Nadelbäume säumen als Vorhut vorsichtig den Übergang, und es verirren sich immer wieder Gäste der Mauer in die Betonsäulen der Erinnerung. Eine gespenstische Entente. Nicht auszudenken, wenn des Mauerseglers Gewicht auch die Betonstelen ins Wanken bringen würde, oder der Sinkflug der Spielsteine von der Geschichte festzementiert bliebe…wir hätten eine andere Welt.

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